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Kultur im Netz und anderswo

gute laune mit frau berg

 

liebe knaufhufler,

es wäre zu einfach euch einen depressiven wintertext zu schicken, nur weil
aus versehen dunkel herrscht vor der tür. ein depremierender sommerstext,
dass ist, was einem jetzt weiterhelfen kann. wenn es im sommer auch mies
ist, kann man jetzt auch durchhalten.und sich die zeitschrift mit dieser
nackten ex fusballergattin kaufen, retouschierte bilder ansehen, und dazu
die ex-fusballergattin im fernsehen reden hören: ich wollte allen frauen
über 40 mut machen. sagt die dame mit käsebrotintelligenz und meint damit:
wer sich in dem alter noch nackig fotographieren lässt und damit jedes
vorurteil über damen füttert, hätte sich auch bereit mit 18 die lampe
ausblasen können, und prost also auf das überleben als amöbe.
und jetzt --ein bisschen sommer in eure wintermuffigen hauptquartiere---

Fast  50% der Bindungsfähigen Erwachsenen in Europa sind alleinstehend,las
ich und  das ist viel. Fast die Hälfte.Da muss man ja völlig umdenken,denn
das ist ein prächtiges Markensegment zum Beispiel für Reisefüher.
 Es gibt ja Sachen, die gehen Alleinstehend gar nicht. Alleinreisend noch
viel weniger.
Zürich zum Beispiel.
Zürich ist unbedingt eine Reise wert. Es ist nah von überall, HATTE eine
schöne Airline und ist so angenehm teuer, das man hier kaum betrunkene
Kegelreisende trifft. Es ist eine Stadt, die  unbedingt für Alleinreisende
taugt. Bedingt. Also-
Jahreszeitenbedingt. Im Winter ist es hier so blöd wie überall. Dunkel,
Regen, und ihr steht auf der Strasse, nass und kalt wie ein Hund, in den
Häusern kleine Familien (so um die1.50)  sitzen und Kaminfeuer brennen und
alle sagen : ich liebe dich Daddy. Auch der Daddy selbst würde das sagen
und die Familie würde sich umarmen und  wären sie keine Familie sondern
ein Paar, dann würden sie sich halten, in Bauernbetten mit karierter
Bettwäsche,  während draußen der Schnee die Welt leise atmen macht und Oma
wär noch am Leben und brächte Kuchen.Und so weiter, aber nehmen wir an es
ist warm---  das geht wunderbar.Wenn es hell ist.Tagsüber --prima, kein
Problem einsamer Mensch. Du  läufst durch die Stadt, die den unbedingten
Vorteil hat, das man durch sie eben laufen kann. Von einer Ecke zur
anderen, alles mit Füssen machbar. Will man nicht mehr mit den Füssen, dann
leiht man sich ein Rad, das ist hier umsonst, um die Umwelt zu streicheln.
Zürich, bye the way ,im Sommer ist ein einziges Streicheln. Die Luft ist
Luftwarm, die Menschen angenehm leise und uninteressiert, in der genau
richtigen Dosierung: Freundliches schauen, kein blödes anquatschen.Keine
Sorge muss man haben um seine Besitztümer, denn wo auch immer du herkommst:
es ist für die Schweizer die 3.Welt.Der Alleinreisende, einsame Mensch kann
also ungestört herumlaufen und fahren, alle 3 Meter gibt es feinen Kaffee,
frischen Saft, hübsche Läden, in denen er sich nichts kaufen kann wegen zu
teuer, und klares Wasser. So klares Wasser, das es albern wirkt, in
Kombination mit den weißen Alpen irgendwo weiter hinten. Und überall hat es
Badeanstalten. Am Fluss am, See, Hunderte. Die meisten aus Holz und sehr
alt, mit Türmchen und verrosteten Schildern, die einem lehren nicht ins
Wasser zu spucken,mit sauberen Wiesen und gesiebtem Strand,mit  kleinen
Kiosken in denen  wunderbarer Kaffee und frischer Saft, frische Kuchen und
Salate verkauft wird. Leise ist es, gepflegt dümpelt die Stadt und Kinder
wurden in Akademien zum Schweigen erzogen. Gesittet und ebenfalls
wunderschön laufen sie mit entspannten Kindergesichtern herum.Man könnte
eine ganze Woche damit zuzubringen den See zu umrunden, der in den Fluss
übergeht, und alle zehn Minuten könnte man sich in einer neuen Badeanstalt
aufhalten.Wunderbar, denkt man sich, als Alleinreisender und ist mit nichts
auf die Gefahren der Dunkelheit vorbereitet. Die Haut so frisch vom
schwimmen, der Bauch so angenehm gefüllt mit feinen Speissen fürchtet man
nichts, doch schleichend, böse, wenn dann der Abend langsam kommt, die
Restaurants sich füllen, die Luft voll mit teurem Parfüm und Seide und der
Boden aussieht wie Marmor, wird der Alleinreisende auf einmal schwer. Er
weiß noch nicht zu sagen warum, vielleicht ist es das zuviel an Perfektion,
die ihm die eigene Vergänglichkeit klar macht. Die Stadt wird leise, Gläser
klirren, Amseln beginnen ihre Arbeit.Die Badis verwandeln sich zu
exotischen Bars, wenn die Nacht eintritt.Farbiges Licht, Fackeln,
Sitzkissen, Wasser gluckert, Luft streichelt. Und da sitzt er dann , der
alleine Mensch.Die schönste Badibar ist die ,in der unter Tag koschere
Judenmänner schwimmen, ein uraltes Ding, mitten in der Stadt an einem
kleinen Flussausläufer. Hügel beschützen sie, Holz verwahrt vor neugierigen
Blicken, und in der Nacht ist man hier, wie auf einer Insel, in Asien, oder
in einer besseren Welt. Es riecht so , wie es an Flüssen in einer
Sommernacht riecht. Ab und zu sieht man ein hübsches  Mädchen leise ins
Wasser gleiten, überall zarte Gespräche, sanfte Luft und für soviel
Schönheit ist keiner alleine eingerichtet. Was kann man da tun, alleine,
auf einem Sitzkissen, Fackeln werfen perfekte Schatten, das Getränk hat
genau die richtige Temperatur--soll man mit sich reden? Mit einer
Taschenlampe Murakami lesen? Nichts kann man machen, außer sich vielleicht
betrinken, was die Sache aber auch nicht leichter werden lässt. Hier
inmitten des Traumes einer besseren Welt,in der es keine Angst gibt und
keine Not, keine Hässlichkeit und Krankheit, sitzt man und sieht sich :
ALLEIN.
Und dann, auf einmal, wo doch alles so perfekt ist, möchte man nicht mehr
hier sein. Am besten nicht auf der Welt und wenn das zu kompliziert ist
vielleicht einfach nur im Bett , irgendwo wo es normal hässlich ist und
kalt. Wo es nicht weiter auffällt, das da niemand ist, der gut riecht,
dessen Hand man halten kann, der einem leise Schwachsinn erzählt, bis man
müde wird, der dann fragt bist du müde, wollen wir zu Bett? Und dann bleibt
ihr noch ein wenig , fast schlafend, und seht all das Heile um euch , und
es ist nicht mehr als eine Fototapete, und das Wasser macht nur für euch
Geräusche, und es ist schön,. wegzugehen aus der Badi später , irgendwo auf
dem Bauch eines anderen Menschen dann schlafen zu können, und es könnte
überall sein. Doch all das ist nicht, merkt der Alleinreisende Einsame, es
ist ein verdammter geborgter Traum, in dem du sitzt, alleine in der Nacht
und dann wirst du wieder heimfahren müssen, wo hin, da es garantiert nicht
schöner ist, aber der Alltag ist da, UND DU BIST ALLEINE. 

Nie, und merken sie sich: nie sollten sie einsam in der Nacht in Zürich
unterwegs sein, und sehen sie eine dieser Badeanstaltenbars, die sie lockt
mit Fackeln und leisem gluckern: laufen sie, laufen sie um ihr schönes
einsames Leben.

wie immer ausnahmslos freundliche mails an:

sibylle berg

 



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