LIEBE LÖFFELFÜSSLER,
so lange schrieb ich euch nichts mehr, dass es mir liebe gewohnheit
geworden ist, mit der ich nicht brechen möchte.
bevor ich mich wieder zurück in das schweigekloster begebe, in dem ich seit
nunmehr 5 jahren mit meinem dobermann lebe, ein text, der deutschen die
jetzt auch dringend unbedingt sofort in die schweiz ziehen wollen , lehre
seien möchte.
Ich war neu damals in der Schweiz, vor gefühlten hundert Jahren, und
unternahm allerlei seltsame Ausflüge, von denen ich mir ein schnelleres
Verständnis meiner neuen Heimat erhoffte. Für jenen reizenden Tag im
Frühling hatte ich mir eine typische schweizerische Route ausgesucht-ich
wollte mit einer sehr steilen kleinen Bahn auf einen Berg fahren, was die
Schweizer sehr gerne machen: Auf ihre eigenen Berge fahren, und
runterschauen. Die Standseilbahn war überfüllt, schob sich Bergan, um auf
halber Strecke mit einem Geräusch das nach Zahnarzt klang, Kieferbruch
mittels Kieferbruchzange, hängen zu bleiben. Wenig elegant federte die
kleine Bahn nach, das Gleis sehr steil, die Welt sehr weit unten. In der
Bahn war-nichts zu hören. Die Menschen redeten leise, weil, wie ich später
herausfand, Schweizer meist leise sprechen. Zehn Minuten vergingen, in
denen für mich, aus dem Land der lauten Stimmen kommend, befremdliche Ruhe
herrschte. Keiner schien nervös, wurde hysterisch oder regte sich über:
Die da oben–auf. Erstaunt beobachte ich die mir fremde Rasse. Irgendwann
sagte ein Herr: Jo, ich lueg emol, ob öpper ans Telefon goht.“
Beistimmendes Murmeln. Eine Mutter erklärte ihrem Kind:
Wenn’s Seili risst, den fahrt s’ Bähnli ganz schnäll abe.
Und dann? wollte das Kind wissen. Dann detschts, sagte Mama und damit war
das Thema besprochen
Der Herr hatte unterdes einen beeindruckenden Dialog am Telefon:
Excuse, mir händ do äs chlises Problem. S`Bähnli bewegt sich nid.“ Aus dem
Lautsprecher tönte eine langsame Stimme:
Jo, denn müend Sie sich jetzt ganz ruhig hebä.“
Nach einer weiteren Viertelstunde ruckelte die Bahn und wurde zur
Endstation gekurbelt, vermutlich von Schweizer Hand, die Türen wurden
aufgestemmt, die Fahrgäste bedankten sich und gingen ihrer Wege.
Dieses für mich erstaunliche Ereignis wurde, auch wenn ich es erst Jahre
später zu verstehen wusste, der Schlüssel zum Verständnis des Landes.
Gibt es etwas wie den Charakter eines Volkes, so ist es beim Schweizer die
größtmögliche Abwesenheit von Angst, die ihn definiert. Außer der Sorge,
anderen auf die Nerven zu gehen, fürchtet er sich einfach weniger als
andere Menschen. Beides erklärbar, das eine mit nicht stattgefunden Krieg
in den letzten Generationen, das andere mit der nicht vorhandenen Größe des
Landes, da man davon ausgehen muss, jeden mindestens zweimal zu treffen in
seinem Leben. Die Abwesenheit von Angst klingt im ersten Moment wie eine
Nebensächlichkeit, doch betrachtet man den Umstand genauer, erkennt man,
dass der Charakter des Landes wesentlich davon geprägt wird. Man hat hier
weder Angst freundlich zu sein, noch sein Gesicht zu verlieren, man
fürchtet sich nur unwesentlich vor Verarmung oder davor, etwas zu
verpassen. Zu untersuchen ist das am besten, in den Urgemeinden der
Innerschweiz und auf den Bergen, wo es Menschen gibt, die Kristalle aus
dem Berg kratzen, oder der bärtige Mann, den man als arroganter Städter
schon als Hinterwäldler klassifizieren wollte, sich als Weltreisender
herausstellt, der nebenbei ein Kinderheim im Nepal aufgebaut hat. Ich traf
in anderen Ländern scheinbar offenere Leute die besser zu feiern verstanden
oder auf Tischen tanzten– Angenehmere Menschen als in der Schweiz habe ich
noch nirgends vorgefunden. Sicher leben auch hier charakterlich
Deformierte, Habgierige, Neidische, Spitzel und Stänkerer, doch sie
bestimmen den Charakter des Landes noch nicht.
Um zu spüren, was ich an diesem Land so liebe, langt es, Zürich zu
verlassen, die Stadt, in der die Angst zunimmt, das Tempo und die
Eigentumswohnungsneubauten, und über Land zu fahren. An den Häusern vorbei,
in denen vielleicht die Hölle herrscht, wer kann das wissen, die jedoch von
außen eine so grandiose Mischung von bäurischer Boheme ausstrahlen, dass
ich mir wünsche, in einem dieser Orte geboren zu sein, in Langnau, im
Muothal, Hausen oder Weggis und dazu zu gehören, zu diesen furchtlosen
netten Leuten. Aber das wird wohl in diesem Leben nichts mehr, denn obwohl
die Schweizer keine Angst vor Fremden haben, so richtig lieb haben werden
sie sie nie.
bis bald an dieser stelle , einen niedlichen frühling
euer aller anschmiegsame
frau berg
wie immer ausnahmslos freundliche mails an:
mailto: postvonfrauberg(at)sibylleberg.ch






